Hans Schäffer, Steuermann in wirtschaftlichen und politischen Krisen 1886-1967

steuermannEckard Wandel
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1974.

Hans Schäffer war einer der einflussreichsten Staatsmänner der Weimarer Republik. Der Öffentlichkeit blieb er jedoch weitgehend unbekannt, denn, wie er von sich selbst sagte, seiner Natur lag der Souffleurkasten mehr als das grelle Lampenlicht der Bühne. Diese Biographie wertet zum ersten Mal Schäffers Briefwechsel und die stenographischen Notizen in seinen bisher noch unerschlossenen Tagebüchern aus. Sie halten täglich, manchmal stündlich, Unterhaltungen, Konferenzen und sonstige Vorträge fest. Aus ihnen können die wirtschafts- und sozialpolitischen Probleme der Weimarer Republik aus nächster Sicht abgelesen werden. Ein unbedingter Anhänger der demokratischen Republik, parteipolitisch nicht gebunden, pflichtbewusst und ein Sachkenner von hohem Rang, so tritt Hans Schäffer in seiner Eigen- und Einzigartigkeit innerhalb der leitenden Beamtenschaft und entgegen.
Schäffer, 1886 in Breslau geboren, war bis zum Kriegsausbruch 1914 Rechtsanwalt. Den ersten Weltkrieg erlebte er als Kriegsteilnehmer. Anfang 1919 wurde er als einer der ersten „Außenseiter“ in das Reichswirtschaftsministerium berufen, in dem er in kurzer Frist zum Ministerialdirektor aufstieg. Arbeitgeber und Gewerkschaften schätzten ihn gleichermaßen als „ehrlichen Makler“. In der Reparationsfrage wurde Schäffer zum hervorragenden Experten. Er wirkte an fast allen internationalen Konferenzen mit. Als einer der entscheidenden Berater lässt Schäffer in seinen Aufzeichnungen die tragischen Folgen der Reparationsbestimmungen des Versailler Vertrages klar hervortreten. Dieser Teil stellt einen der Höhepunkte des Buches dar.
Seit 1929 Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, kämpfte Schäffer als engster Vertrauter Brünings für den Ausgleich des Haushalts, für die Sanierung der Reichskasse und für die endgültigen Beseitigung der Reparationen. In dieser Hinsicht stellt das Buch eine wichtige Ergänzung und teilweise eine Revision der Brüningschen Memoiren dar. Im Frühjahr 1932 glaubte Schäffer die Politik der Regierung nicht mehr unterstützen zu sollen und schied aus dem Reichsdienst aus. Er übernahm die Leitung des Ullstein-Verlages, die er als Jude bereits im März 1933 unter Zwang niederlegen musste. Er emigrierte nach Schweden und arbeitet an führender Stelle an der Entflechtung des bankrotten Weltkonzerns des „Zündholzkönigs“ Kreuger mit. In den schweren Verfolgungsjahren und zur Zeit der Gründung des Staates Israel stand Schäffer seinen jüdischen Schicksalsgenossen mit Rat und Tat zur Seite. Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes suchte Konrad Adenauer in wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen Schäffers Rat.
Dr. Eckhard Wandel, Assistent am wirtschaftswissenschaftlichen Seminar der Universität Tübingen – 1942 in Tübingen geboren – hat auf Grund der literarischen Hinterlassenschaft und von Zeugnissen noch lebender Mitarbeiter und Freunde Schäffers im Auftrage des Leo Baeck Instituts die vorliegende Biographie verfasst. Aus ihr tritt das Bild Hans Schäffers, eines Steuermannes inmitten der Krisen, eindrucksvoll hervor.

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